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  Im Strom der Zeit

von Christina Pallin-Lange, LGA

Die elektrotechnische Abteilung des Bayerischen Gewerbemuseums im Zentrum der Industriestadt Nürnberg

Ausstelungsplaket: Gewerbemuseum

Die Anfänge

"Es kann nur begrüßt werden", so Dr. Georg Ritter von Schuh (Nürnbergs Oberbürgermeister von 1892 bis 1913), "wenn das Gewerbemuseum stets gleichen Schritt mit den herantretenden Anforderungen und den von den Gewerbetreibenden laut werdenden Wünschen halte." (Protokoll der Sitzung des Verwaltungsrates des Bayerischen Gewerbemuseums vom 27. Sept. 1900)

Bereits im Sommer 1900 tauchte die Idee zur Einrichtung einer elektrotechnischen Versuchsstation auf. Sie sollte die Revision von elektrischen Anlagen, wenigstens für das nördliche Bayern, zur Aufgabe haben. Der mechanisch-technischen Abteilung zugeordnet, würde sie unter fachmännischer Leitung praktische und wissenschaftliche Zwecke verfolgen.

Damit wurden die Weichen gestellt für eine Einrichtung die am 1. April 2001 ihr hundertjähriges Jubiläum feiert. In diesen 100 Jahren Arbeit für die Elektroindustrie, begleitete das Bayerische Gewerbemuseum – später Bayerische Landesgewerbeanstalt heute kurz LGA, prüfend, beratend, fördernd ein Saeculum der Erfindungen in den Bereichen Elektrotechnik und Elektronik.

Ihr Wirkungskreis wurde festgelegt auf die: "regelmäßiger Revisionen elektrischer Beleuchtung- und Kraftanlagen, auf Auskünfte und Ratschläge in allen Gebieten der Elektrotechnik, Abgabe von Gutachten, Abnahmeprüfungen elektrischer Anlagen, Untersuchungen elektrischer Maschinen in Bezug auf Ausführung, Leistung, Betriebssicherheit und Wirkungsgrad, auf Kapazitätsproben, photometrische Prüfungen, Untersuchung von Messinstrumenten und Elektrizitätszählern auf Isolationsprüfungen, Laboratoriums... und der gleichen." ( Text für Zeitungsannoncen 13.4.1901). Ausgestattet nach neuesten Erfahrungen, gerüstet mit besten Apparaten und Instrumenten und dem notwendigen Fachpersonal startete die "Elektrotechnische Abteilung des Bayerischen Gewerbemuseums". Amtliche Bestätigung fand die Abteilung mit der Zulassung als "anerkannte Revisionsstelle für elektrisches Licht und Kraftanlagen", am 12. April 1901. Es folgte die Zulassung als Eichungsstelle für elektrische Zähler, in Konkurrenz mit dem Polytechnischen Verein und dem Elektrizitätswerk in München. Darüber hinaus wurde die Abteilung vom Bayerischen Staatsministerium des Innern als Beratungsstelle bei der weiteren Elektrifizierung des Landes benannt.

Mit den Ingenieuren Bart und Wilhelm Wunder, letzterer vorher am Polytechnikum in München tätig, wurden zwei Fachleute für diese neue Aufgabe gewonnen, die bereits nach kurzer Zeit Verstärkung durch einen weiteren Ingenieur, Fritz Hoppe, den Laboratoriumsdiener Karl Kreuzer und den Messgehilfen Eduard Reichert bekamen.

Von besonderer Bedeutung war die Anerkennung als Elektrisches Prüfamt, Nr. 4, kurz EP 4, das ab dem 9. November 1902 unter der Hoheit der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt Berlin die Befugnis zur amtlichen Prüfung und Beglaubigung elektrischer Messgeräte erhielt.

"Mit Entschließung vom 9. l. Monats (November) hat der Reichskanzler auf Grund des § 9 des Gesetzes, betreffend die elektrischen Maßeinheiten, vom 1. Juni 1898, dem in Verbindung mit der elektrischen Abteilung des Bayerischen Gewerbemuseums zu Nürnberg errichteten elektrischen Prüfamt die Befugnis zur amtlichen Prüfung und Beglaubigung elektrischer Messgeräte erteilt". (Auszug aus dem Amtsblatt des K. Staatsministeriums des Innern, Königreich Bayern, (München Nr. 38, 6. Dezember 1902, Nr. 26099, Stadtarchiv Nürnberg)

Dies galt für einen Messbereich für Gleich- und Wechselstrom (einschließlich Drehstrom) bis 500 Volt und 200 Ampere.

Nachdem das Elektrizitätswerk München ähnliche Aufgaben wahrnahm, wurden die Zuständigkeiten festgelegt. Das Prüfamt 4, in Nürnberg arbeitete für die Regierungsbezirke Oberfranken, Mittelfranken, Unterfranken und Aschaffenburg sowie für die Oberpfalz und Regensburg. Das Prüfamt 3, in München, betreute die Bezirke Oberbayern, Pfalz, Niederbayern, Schwaben und Neuburg.

Die Elektroindustrie in Nürnberg

Nürnberg war der ideale Boden für ein elektrotechnisches Versuchs- und Prüflaboratorium. Zu Ende des 19. Jahrhunderts war die Stadt nicht nur bedeutendster Industriestandort Bayerns und Vorreiter in der Maschinenbauindustrie, sondern sie entwickelte sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zu einem der weltweit führenden Zentren des jungen Industriezweiges Elektrotechnik. Wichtige Erfindungen gingen von Nürnberg aus. Große Namen, wie Friedrich Heller und Sigmund Schuckert, hatten weltweite Geltung.

Mit Friedrich Heller (1836–1911) nahm die Gründung elektrotechnischer Betriebe und Unternehmen ihren Anfang. 1858 eröffnete Friedrich Heller in der Vorderen Sterngasse eine feinmechanische Werkstätte, in der er, unter anderem, elektrotherapeutische Erzeugnisse herstellte. Berühmt wurde er durch die Weiterentwicklung des Bell´schen Telefones, das ihn zum Pionier der Nachrichtentechnik und zum Hauptlieferanten der Bayerischen Post- und Telegrafenverwaltung werden ließ. Die Fabrik elektrischer Apparate für Telephonie und Signalwesen fertigte ab 1889 am neuen Standort Peterstraße in Gleishammer Telefongeräte für den öffentlichen und privaten Bereich, Mikrophone, Läutwerke, elektrische Uhren, Feuermelder und Blitzableiter. 1904 wurde Hellers Betrieb von der Felten & Guillaume AG übernommen.

1880 wurde durch Joseph Obermeier eine Telegrafenuntensilienfabrik mit dem Schwerpunkt Schwachstromtechnik gegründet. Sie entwickelte sich zu einem wichtigen Kabelwerk in Nürnberg. Nach dem Tod des Gründers ging die Firma an das Mühlheimer Karlswerk Felten & Giullaume AG.

Das 1855 gegründete Unternehmen Conrad Conradty Nürnberg GmbH entwickelte sich erst ab 1880 zu einem elektrotechnischen Spezialbetrieb. Daneben bestand die Elektrizitätsgesellschaft Soldan & Co., die im Starkstrombereich angesiedelt, ähnliche Produkte erzeugte wie Schuckert.

Sigmund Schuckert, (*1846, +1895), wurde die Triebfeder für die Entwicklung der Elektroindustrie in Nürnberg. Er begann seine Ausbildung bei Friedrich Heller. Nach "Wanderjahren", die ihn zwischen 1864 und 1873 zu allen wichtigen Zentren der elektrotechnischen Industrie in Deutschland und Amerika, sogar bis zu Thomas Alvar Edison führte und 1873 mit der Besichtigung der Weltausstellung in Wien endete, ließ er sich mit eigener Werkstätte in Nürnberg nieder.

Bereits am 26. August 1876 wurde ihm für die Entwicklung einer neuartigen dynamo-elektrischen Maschine aus der König-Ludwig-Preisstiftung des Bayerischen Gewerbemuseums die Silbermedaille und ein Preis von 50.000 Mark überreicht. Mit diesem Dynamo und einer Bogenlampe war es erstmals möglich, das Kriegerdenkmal an der Adlerstraße elektrisch zu beleuchten. Dies setzte den Anfang für die elektrische Beleuchtung der Stadt Nürnberg und die massenhafte Fertigung der Bogenlampe, die für Jahre sein wichtigstes Erzeugnis wurde. Mit ihr trat die elektrische Beleuchtung ihren Siegeszug durch Deutschland und die Welt an. 1882 wurde sie aus Anlass der ersten Bayerischen Landesausstellung erstmals in Nürnberg einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt und wurde zum Höhepunkt der Schau, die das Bayerische Gewerbemuseum auf dem ehemaligen Maxfeld, heute Stadtpark, veranstaltete.

Gleichzeitig führte Schuckert in München die erste Fernübertragung von elektrischem Strom vor und begann mit Reflektoren zu arbeiten. Die Herstellung elektrischer Eisenbahnen, elektrischer Messgeräte und die Scheinwerferherstellung führten den Betrieb auf den Weg zum Großunternehmen, das bis nach China exportierte. In Alexander Wacker fand Sigmund Schuckert einen unternehmerisch denkenden kaufmännischen Leiter und Teilhaber. In rascher Folge setzte die Firma 128 elektrische Zentralen in Deutschland in Betrieb.

Aus Krankheitsgründen verabschiedete Schuckert sich 1892 aus dem Unternehmen, starb 1895 und erlebte die Ausweitung seiner Gründung zu einem weltweit agierenden Unternehmen, die EAG (Elektrizitätsaktiengesellschaft), nicht mehr, ebenso wie den Zusammenschluss mit Siemens-Halske zur Siemens-Schuckert-Werk GmbH, 1903. Sigmund Schuckert war dem Bayerischen Gewerbemuseum persönlich sehr verbunden. Lange Jahre war er Mitglied im Verwaltungsrat. Mit Theodor von Kramer, Direktor von 1888 bis 1919, verband ihn eine enge Freundschaft bis zu seinem Tode.

Weitere frühe Firmengründungen verbinden sich mit den Namen Conrad Ehemann, der 1882 ein Installationsbüro für elektrisches Licht und Kraftanlagen, Telefon- und Telegraphenapparate gründete. Es wurde bereits nach 12 Jahren von Jean und Hans Hofmann übernommen. Als Zulieferbetriebe sind die Werke, wie das des Christian Schmelzer zu sehen, der sich 1882 auf die Herstellung von Beleuchtungskohlen spezialisiert hatte. Seine Firma ging 1889 an Conrad Conradty über. Blitzableiterfirmen und Drahtseilwerke entstanden im Umfeld der Elektroindustrie.

Die Elektrotechnik hatte nicht nur das gewerbliche Leben, sondern auch in hohem Maße bereits das Leben im privaten Umfeld der gesamten Bevölkerung verändert. Die sprunghaft wachsenden Städte – gerade Nürnberg ist hier ein herausragendes Beispiel, da die Bevölkerung von 1881 bis 1910 von 100.000 Einwohnern auf 330.000 anstiegen war – wollten beleuchtet sein und zwar nicht mehr mit Gaslicht sondern durch elektrisches Licht.

Die häufig das Stadtpanorama bestimmenden Gaswerke hatten ihre Bedeutung verloren. An ihre Stelle begannen elektrische Kraftwerke zu treten, wie auch in Nürnberg das Städtische Elektrizitätswerk. Am 25.4.1896 wurde das von Oskar von Miller geplante Werk an der Tullnau zum Betrieb freigegeben. Erster Direktor wurde Philipp Scholtes, der als Ingenieur der Elektrizitäts-Aktiengesellschaft (vormals Schuckert-Werke), für die Bauausführung verantwortlich gewesen war. Auf Initiative des Bürgermeisters Dr. Schuh hin, wurde das Werk durch die erste Wechselstromanlage Vorreiter in Bayern. Das Elektrizitätswerk bediente vorwiegend die kleine und mittelständische Industrie und eben die moderne Straßenbeleuchtung mit Strom.

Der Aufbau des elektrischen Prüfwesens

Die Elektrotechnische Abteilung und das Elektrische Prüfamt 4 des Bayerischen Gewerbemuseums richteten vor diesem gewaltigen Hintergrund ihre Aufgaben weitschauend und wirklichkeitsnah ein und weiteten diese entsprechend der industriellen Maßgaben immer weiter aus.

1903 arbeitete die junge Einrichtung mit 8 Mitarbeitern und hatte als neues Aufgabengebiet die Untersuchung von elektrotechnischem Installationsmaterial, nach den Vorschriften des Verbandes deutscher Elektrotechniker hinzugewonnen. Eine wirklich starke Auslastung des Prüfamtes erwartete man sich durch ein neues Gesetz, das Zählerprüfungen neuerdings amtlich vorschrieb.

Die 1683 Aufträge des Jahres 1903 umfassten Auskünfte, die Erstellung von Gutachten, Revisionen und Untersuchungen ebenso wie Prüfamtstätigkeiten. 1904 wurde z. B. die elektrische Anlage des Bühnenfestspielhauses Bayreuth begutachtet, die Errichtungen der Elektrizitätswerke Schweinfurt und Miltenberg technisch betreut bzw. abgenommen und als wohl größtes Gerät eine 10.000 PS Dynamomaschine der Siemens-Schuckert-Werke (die größte bisher in Europa gebaute) überprüft.

Die Lehrtätigkeit

Wichtig wurde auch die Lehrtätigkeit und das Vortragswesen. Bereits 1903 referierte Wilhelm Wunder über die Themen: Funkentelegraphie, Grundlagen der Elektrotechnik, Neuerungen aus der Elektrotechnik (Lichttelephonie, Elektrische Fernübertragung von Bildern) und Fritz Hoppe über die Themen: Anwendung und Bedeutung der Elektrizität für das Kleingewerbe, bzw. für das Heer und die Marine, sowie für die Schifffahrt und athmosphärische Elektrizität. Der Bedarf an Ausbildung und Schulung wuchs von Jahr zu Jahr an.

Besonders unter dem neuen Leiter der Abteilung, dem Oberingenieur Dr. Otto Edelmann, der ab 1. August 1904, die frei gewordene Stelle Wunders besetzte, wurden für die Ausbildung neue Weichen gelegt. Bereits im Dezember des Jahres wurde mit Unterstützung des kgl. Staatsministeriums des Innern, ein Lehrkurs für Blitzableitersetzer eingerichtet. Dr. Edelmann hielt diese Kurse ab.

Die Kurse fanden solchen Anklang, daß sie jährlich wiederholt wurden und neue Fachlehrer mitaufgenommen wurden, wie z. B. Georg Waßman, der im eigenen Betrieb seit 1888 Blitzableiter herstellte. Bis 1926 wurden in 32 Blitzableitersetzer-Lehrkursen 561 Kursteilnehmer ausgebildet, und zwar: Flaschner, Schieferdecker, Schlosser, Elektroinstallateure, Mechaniker, Schmiede, Techniker und Revisoren, Installateure, Ingenieure und Betriebsleiter, Architekten, Bauhandwerker und Fabrikanten.

Das elektrische Prüfamt auf der Bayerischen Jubiläums-Landesausstellung 1906

Die Bayerische Jubiläums-Landesausstellung 1906 wurde, wie die vorangegangenen Ausstellungen der Jahre 1882 und 1896, vom Bayerischen Gewerbemuseum organisiert. Elektrizität und Elektrotechnik spielten dabei eine wichtige Rolle. "Es war ein Ausstellungsplatz von 500.000 m² zu beleuchten, die Fassaden der Gebäude zu illuminieren, 25.000 Glühbirnen und ca. 700 Bogenlampen müssen hierzu verwendet werden. Zur Hervorbringung besonderer Lichteffekte ist je ein Scheinwerfer auf dem Wasserturm und auf dem Leuchtturm aufgestellt. Die Fontänenbeleuchtung erfolgt durch 42 Scheinwerfer. Wasserpumpen für die Fontäne, Pumpen zur Wasserversorgung, zur Kesselspeisung, ferner andere Maschinen und zahlreiche Ausstellungsobjekte sind elektrisch zu betreiben. Zur Erzeugung dieser täglich benötigten großen Elektrizitätsmenge dienen 17 Dynamos in der Maschinenhalle. An 4000 Nutzpferdestärken von Kraftmaschinen stehen zu deren Antrieb zur Verfügung." Ausstellungszeitung der III. Bayerischen Jubiläums-Landes-Industrie-Gewerbe- und Kunstausstellung, Nürnberg 1906, Nr. 35, 14. Sept., S. 817.

Mit dem Antritt Dr. Otto Edelmanns, als Leiter der Elektrotechnischen Abteilung, 1904, begannen die vorbereitenden Arbeiten seiner Abteilung für die Jubiläums- Landesausstellung 1906. Er übernahm die Redaktion der "Technischen Zeitschrift" im Rahmen der bereits erscheinenden Ausstellungszeitung und plante die Präsentation seiner Abteilung. Fertig eingerichtet, zeigte die Elektrotechnische Abteilung dann Messinstrumente und Apparate, "wie sie zur vollständigen Ausrüstung eines elektrischen Prüfamtes dienen und wies außerdem, ein nach den neuesten Erfahrungen eingerichtetes, elektrisches Laboratorium auf mit einer Station zur Untersuchung von elektrischen Installationsmaterialien." Jahresbericht 1906, S. 25

Nachdem es damit außerhalb des eigenen Gebäudes am Gewerbemuseumsplatz ein zweites komplettes Labor einzurichten hatte, war man teilweise auf Unterstützung ansässiger Firmen angewiesen gewesen.

Um 1910 wurde durch die, in und um Nürnberg ansässigen Firmen und Betriebe, im Verbund mit dem Fränkischen Überlandwerk, der EWAG und der Bayerischen Landesgewerbeanstalt, (1909 erhielt das Bayerischen Gewerbemuseums diesen Namen), die "Elektrotechnische Gesellschaft" gegründet. Mitglied von Anfang an, war Dr. Otto Edelmann, später für einige Jahre auch Vorstand der Gesellschaft. Die Gesellschaft machte es sich zur Aufgabe, die breite Öffentlichkeit über die Errungenschaften und Möglichkeiten der Elektrotechnik aufzuklären. Durch eine breit angelegte Ausstellung schien dies am ehesten erreichbar zu sein, weshalb die Gesellschaft für das Jahr 1912 eine Ausstellung plante und die ausstellungserfahrene Bayerische Landesgewerbeanstalt als Organisator benannte.

Die Elektrische Ausstellung für Gewerbe, Haushalt und Landwirtschaft, Nürnberg 1912

Vom 25. August bis zum 30. September 1912 öffnete die Schau auf dem Gelände des Luitpoldhaines ihre Pforten. Die Maschinenhalle der Jubiläums-Landesausstellung 1906, als neue Veranstaltungshalle der Stadt Nürnberg genutzt, diente als großzügige Ausstellungsfläche. Mittelfrankens Regierungspräsident Blaul hatte die Schirmherrschaft übernommen. Die Ausstellung sollte die breite Öffentlichkeit informieren und die Elektrifizierung der kleinen und mittelständischen Unternehmen sowie der Landwirtschaft anregen und fördern. (Bild, Ausstellungsgelände, Deckblatt des Kataloges)

Darauf abgezielt zeigte sich die Schau mit folgenden Inhalten: Einer öffentlichen Lehrausstellung, der Vorführung physikalischer Versuche, praktischen Anwendungsbeispielen im Betrieb, der Elektrizität im Hause und der Elektrizität im Gewerbe und der Landwirtschaft.

Der fränkische Kurier, veröffentlichte am 26.August 1912 die Begrüßungsworte von Dr. Edelmann, dem ersten Vorsitzenden der Elektrotechnischen Gesellschaft:

"Das K. Bayer. Technikum Nürnberg und die Bayerische Landesgewerbeanstalt Nürnberg und verschiedene Firmen haben sich vereinigt, um eine Reihe äußert sinnfälliger Versuche vorzuführen, einzelne Apparate sind zu diesem Zweck besonders angefertigt worden. Der besseren Übersicht halber sind die elektrischen Erscheinungen gegliedert in solche, die sich innerhalb des elektrischen Leiters abspielen (Stromwärme und chemische Wirkungen) dann in solche, die außerhalb des elektrischen Leiters bemerkbar sind.

Eine dritte Abteilung handelt von dem Messwesen, welches nur insoweit berücksichtigt wird, als das verbrauchende Publikum damit in Berührung kommt. Dem gemäß ist besonderes Gewicht auf die Begriffe Kilowatt und Kilowattstunde gelegt. Das Kilowatt ist in doppelter Weise dargestellt, einmal als Lichtleistung, ca. 57 Glühlampen bilden zusammen die Inschrift "1 Kilowatt" und verbrauchen ebensoviel Energie.

Es sind damit Messinstrumente verbunden, auch ein Zähler, und das Publikum kann durch Aus- und Einschalten der Lampengruppen "Unterteile des Kilowatt" selbst herstellen und ablesen.

Zweitens ist das Kilowatt als mechanische Arbeitsleistung aufgestellt, und zwar so, daß eine Pumpe vermittels eines Elektromotors angetrieben, eine bestimmte Wassermenge ungefähr 1 Meter hoch fördert, wo an dann das Wasser wieder in Form eines Wasserfalles herunterfällt. Die Verhältnisse sind so gewählt, das der Elektromotor gerade 1 Kilowatt verbraucht. Es ist dies eine äußerst anschauliche Darstellung der Leistung, weil das fließende Wasser eigentlich für jedermann den Begriff einer Arbeitsleistung darstellt."

Darüber hinaus wurde die Arbeitsleistung einer Kilowattstunde für verschiedene Gewerbezweige und Arbeitsvorgänge ermittelt. Beispiele aus der Holzbearbeitung, der Drechslerei, einer Spiegelschreinerei, Möbelschreinerei, Kistenfabrik oder eines Sägewerkes – wo z. B. 10 Bretter von 8 Meter Länge auf einem Vollgatter aus einem Baum mit 45 cm Durchmesser in 8 Minuten geschnitten wurden – schlossen sich an. Entsprechende Vorführungen informierten auch über die metallverarbeitenden Gewerbe, die Nahrungsmittelindustrie, das Druckereiwesen, die Galanteriewaren- und Textilindustrie und die Landwirtschaft.

Allgemeinverständliche Vorträge von Referenten aus Berlin, Frankfurt, München, Erlangen, Fürth und Nürnberg sorgten für weitere Aufklärung. Aber auch die Unterhaltung kam nicht zu kurz, z. B. durch den Einsatz eines Kinematographen. Die reizenden Theaterbilder fanden den ungeteilten Beifall der Zuschauer.

Aufgaben und Ausbau der Abteilung ab 1912

Aus dem Jahresbericht der Elektrotechnischen Abteilung des Jahres 1913 ist eine starke Ausweitung der Aktivitäten für die elektrotechnische Industrie- und Wirtschaft herauszulesen:

"Die Elektrotechnische Abteilung erteilt Auskünfte auf allen Gebieten der Elektrotechnik und erledigt Prüfungen von Gleich-, Wechsel- und Drehstromzählern und anderen Meßgeräten (Prüfamt IV der Physikalisch-technischen Reichsanstalt in Berlin). Die Einrichtungen werden bis 20000 Volt erweitert. Sie besitzt ein neuzeitlich und reichhaltig eingerichtetes elektrisches Laboratorium zur Prüfung von elektrischen Maschinen, Apparaten, Accumulatoren, Installations- und Isolationsmaterialien (letztere auch nach dem abgekürzten Verfahren gemäß der Angaben des Verbandes Deutscher Elektrotechniker) u. dergl. Ausarbeitung von Verfahren Begutachtungen von Fabrikaten, einen vollständig neu eingerichteten Photometerraum zu Prüfungen und Messungen von Lichtquellen aller Art. Es werden auch Messungen im Sinn des Gesetzes der Leuchtmittelbesteuerung ausgeführt. Die Abteilung übernimmt ferner Revisions- und Betriebskontrollen elektrischer Anlagen, sowohl auf einzelne Anträge hin, wie auch regelmäßig im Abonnement. Es werden Begutachtungen und Ausarbeitungen von Projekten und Kostenanschlägen, Vertragsentwürfen und Stromlieferungsbedingungen, Prüfungen von Abrechnungen, Schätzungen elektrischer Anlagen durchgeführt, ferner die unparteiische Beratung bei Vergebungen, die Überwachung der Ausführung, sowie die Abnahme und Garantieprüfung elektrischer Anlagen und die Prüfung aller in die Elektrotechnik einschlägigen Materialien, Rentabilitäts- und Betriebskostenrechnungen. ... Endlich ist sie von den deutschen Feuerversicherungs-Gesellschaften als Revisionsstelle anerkannt."

Gerade der enge Kontakt zu Industrie und Gewerbsleben erwies sich als von größter Bedeutung, um zum einen neue Gebiete zu erschließen oder durch gute Kenntnis bestmöglich beraten zu können – zum Beispiel ob es für ein Unternehmen ratsam sei, eigene Anlagen zur Stromerzeugung aufzubauen oder den Strom über Stromversorger zu beziehen.

Eine Aufzählung des Jahres 1916 macht das breite Spektrum der Aufgabenstellungen deutlich, denn folgende Aufträge wurden an die Elektrotechnische Abteilung mit angeschlossenem Prüfamt herangetragen und bearbeitet.

  1. Ölproben aus Transformatoren und Oelschaltern eines Überlandwerkes-Zustandsfeststellung und Weiterverwendbarkeit.
  2. Pionierscheren mit isolierten Handgriffen untersucht, verwendet zum Abschneiden unter Spannung stehender Drahtverhaue.
  3. umfangreiche und grundlegende Untersuchungen von Glühfäden und Glühlampen einer Glühlampenfabrik
  4. Kraftvebrauchsmessungen an Arbeitsmaschinen (Buchdruckereien, Spiegelglasfabriken, Webereien, Papierfabriken, Handwerksbetrieben,
  5. Kraftmessungen zum Vergleich verschiedener Schmierölsorten
  6. Elektrische Zündmaschinen und Zündkapseln für Sprengstofffabrik
  7. Elektromedizinische Apparate
  8. Schmelzversuche im elektrischen Ofen
  9. Messungen an Spielzeugmotoren (elektrische Lokomotiven im Vergleich)
  10. Druckluftflugzeugmotor auf seine Leistung gemessen
  11. Neukonstruktionen von Bügeleisen und Heizkörpern untersucht
  12. Elektrische Lampen und Beleuchtungskörper aller Art untersucht
  13. Beleuchtungsstärke in Räumen festgestellt
  14. Vergleich von Glas- und Metallreflektoren
  15. Wärmebeständigkeit des Belages von Spiegeln
  16. Isolatorenmuster von Porzellanfirmen zu eingehender Prüfung erhalten
  17. Verhalten gegenüber Hochspannung bei regenartiger Berieselung untersucht
  18. Vorhandene Isolatoren einer Zentrale untersucht geprüft, ob ihnen eine Erhöhung der gesamten Betriebsspannung zuzumuten ist. (Zweck war Ersatz von Kupfer- durch Eisenleitungen)
  19. Neukonstruierte Apparate wurden ausprobiert und Verbesserungsvorschläge gemacht.

Darüber hinaus wurden manche eigenen Forschungen, aus der Laborpraxis heraus, Erfindern zur Verfügung gestellt, wie etwa Erkenntnisse aus Versuchen mit neuartigen Maschinenkonstruktionen, so z. B. Bogenlichtkohlen, Teslatransformatoren, Bremsen, Umschaltrelais, Mikrophonen und elektrischen Uhren.

Prüfraum der Elektrotechnischen Abteilung

Im Jahr 1922 wurde das erste deutsche Rundfunkgerät in Nürnberg entwickelt und gebaut. Die Lumophonwerke, 1919 von Karl Stark gegründet, hatten sich sehr früh von einer Sonderfabrik für Telefonapparate zum Hersteller von Rundfunkgeräten gewandelt, wie kurz darauf auch die Süddeutsche Telefonapparate-Kabeldrahtwerke AG (TeKaDe).

Die Kabel- und Rundfunkindustrie stellte neue Anforderungen an die "elektrische Prüfung". Mit der Einrichtung eines neuen Labors als Prüfstelle für Funkeinrichtungen für die neu verwendeten Kondensatoren, erhielt das Prüfwesen eine neue Erweiterung.

Dabei stand die Elektrotechnische Abteilung in stetigem Austausch mit der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt Berlin. Auf Anraten der Prüfstelle des Verbandes Deutscher Elektrotechniker fragte die Reichsanstalt am 20. März 1924 die Bereitschaft der einzelnen Prüfämter daraufhin ab, ob sie Prüfungen von Rundfunksempfangsgeräten für die Prüfstelle ausführten. Prüfbestimmungen mussten ausgearbeitet werden und die Einrichtung der Prüfämter entsprechend ausgelegt werden.

Bereits am 25. März 1924 antwortete man aus Nürnberg, dass man wohl eingerichtet war, die Prüfung von Rundfunksempfangsapparaten für die Prüfstelle zur Verleihung des VDE-Zeichens durchzuführen.

Prüfamtsaufgaben

Prüfgerät

1933 wurde das Arbeitsgebiet der elektrischen Prüfämter genau festgelegt. Das Spektrum reichte u. a. von der Überprüfung von Sicherungselementen, Steckern, Armaturen, Fassungen, über Elektro-Wärmegeräte wie Heizkissen, Bügeleisen, Wasserkocher, Kaffeemaschinen, Wurstkessel, Kochplatten, Backapparaten und Brotröster, bis zu Dauerwellapparaten, Kravattenbüglern und Wäschetrocknern, Öfen und Lötkolben. Auch Geräte mit Kleinstmotoren gehörten dazu, wie Heißluftduschen, Ventilatoren und Waschmaschinen, Geschirrspülmaschinen, Schallplattengeräte und Nähmaschinen, aber auch Transformatoren, Netzanschlußgeräte, Rundfunkgeräte und Hochfrequenz-Heilgeräte.
(Arbeitsgebiet der elektrischen Prüfämter innerhalb ihrer amtlichen Befugnisse, 3. Oktober 1933)

Allein die knappe Auswahl dieses Verzeichnisses gibt die Vielfalt der zu prüfenden Geräte wieder. Sie zeigt die breite Palette neuer Produkterfindungen und gleichzeitig den Einzug elektrisch betriebener Geräte in das Arbeitsumfeld und den privaten häuslichen Bereich. Der veränderte Lebenstandart weiter Teile der Bevölkerung, spricht aus dem Bedürfnis sich mit Waschmaschine, Ofen und Bratrohr, Bügeleisen und Kühlschrank vor allem die häusliche Arbeit zu erleichtern.

Die Arbeit der Elektrotechnischen Abteilung und des Elektrischen Prüfamtes trug maßgeblich, bereits in den 30er Jahren, zu Herstellung und Vertrieb sicherer Geräte bei.

Die Einrichtung von Wanderprüfstationen 1937

Als amtliches Hauptprüfamt betreute die Einrichtung der Bayerischen Landesgewerbeanstalt eine Vielzahl von Nebenstellen wie kleinere Elektrizitätswerke, oder Elektrizitätsgenossenschaften. Dabei ergab sich ein Problem: die Werke stellten die Bedingung, dass die Elektrizitätszähler in ihrem Werk selbst geprüft werden müssten, da für Austauschzähler die Mittel nicht reichten. Bisher wurden diese Aufträge abgelehnt. Doch um diese Aufträge nicht zu verlieren – außerdem war man ja als "vollkommen unabhängiges Prüfamt" auf die Prüfung von Elektrizitätszählern fremder Herkunft angewiesen – kam die Idee der tragbaren Zählerprüfeinrichtung als Wanderprüfstation auf. Mit der tragbaren Einrichtung mit Eichzählern könnte die amtliche Prüfung von Elektrizitätszählern an Ort und Stelle durchgeführt werden.

Unter Einhaltsgebot weitgehender Sicherheitsmaßnahmen, wie ständiger Eigenüberwachung, stichprobenweiser Kontrollen sowie strengster personeller Vorkehrungen wurde die neue Arbeitsweise zum 28. Dezember 1938 genehmigt.

Gleichzeitig wurde die Zulassung als Prüfstelle der "Arbeitsgemeinschaft zur Überwachung der elektrischen Installationsanlagen auf dem Lande (Arbeg) in Bayern" erteilt.

Kriegsjahre, Wiederaufbau und Ausweitung in den Labors am Gewerbemuseumsplatz Die Kriegsjahre 1944/45 setzten der Arbeit durch Zerstörungen der Anlagen und Laboreinrichtungen – das Laboratoriumsgebäude war am 2. Januar 1945 vollständig zerstört worden – Vernichtung von wichtigen Unterlagen und das fehlende Personal, große Schwierigkeiten entgegen.

Bis 1949 dauerten die Wiederaufbauarbeiten der Einrichtungen an. Verlorengegangene Genehmigungen und Zulassungen für die umfangreiche Prüftätigkeit mussten durch die mittlerweile, kriegsbedingt nach Braunschweig verlegte Physikalisch-Technische Anstalt neu erteilt werden. Noch im Dezember des Jahres 1949 war die Bayerische Landesgewerbeanstalt mit den Vorarbeiten beschäftigt: "die durch Kriegseinwirkung zu Verlust gegangenen Einrichtungen zu beschaffen, bzw. durch verbesserte moderne Einrichtungen zu ergänzen."
(Schreiben vom 8.Dezember 1949 an die Physikalisch-Technische Anstalt, Abt. II Braunschweig.)

Die Elektrotechnische Abteilung wurde in der Nachkriegszeit zugelassene Prüfstelle für elektrische Anlagen, Blitzschutz und Antennenanlagen und wich zum Teil in angemietete Räume aus.

Die Ausweitung der Prüfungen auf vergleichende Warenprüfung, ab den 50er Jahren, machte die Umstellung der Prüftätigkeit von Einzelprüfungen auf automatisch gesteuerte Reihenprüfungen notwendig. Das hohe Know-how der Spezialisten führte zur Entwicklung gutachterlicher Tätigkeit für Gerichte und zur Mitarbeit in einer Vielzahl von Fachausschüssen, Kommissionen und Gremien.

Seit 1978, nach der Einführung des bundeseinheitlichen Sicherheitszeichen für Geräte (GS-Zeichen), wird durch die LGA (Namensänderung 1969 in LGA (Landesgewerbeanstalt Bayern)) das GS-Zeichen für Artikel, die unter das Gerätesicherheitsgesetz fallen, erteilt.

Kompetenz und Hightech-Labors am Standort Tillystraße

Heute, gut 20 Jahre später, durchlaufen Hightech-Produkte die LGA Labors in der Tillystraße und spannen den Bogen von der geprüften Heißluftdusche der 20er Jahre zum Herzschrittmacher aus dem Jahr 2001.

Quelle: LGA-Rundschau 2001-2, 2001, S. 31 ff.

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