150 Jahre LGA – Gründung am 28. April 1869

Wechselvolle Geschichte im Dienste der Wirtschaft

Gründungsakt am 28. April 1869
„LGA Landesgewerbeanstalt Bayern“ lautet heute der offizielle Name dieses Dienstleisters, zuständig für Sicherheit und Qualität im Dienste der Wirtschaft. Zu Gründungszeiten, mitten in der Industrialisierung, reagierten findige Unternehmer auf einen Missstand: Ihre Industriewaren, so hatten sie auf Weltausstellungen u.a. in London 1851 erfahren müssen, konnten mit der Qualität anderer europäischer Produzenten nicht mithalten. Gesucht wurden ausgebildete Industriearbeiter und Vorbilder für Design und Qualität der Waren. Die Unternehmer Lothar von Faber und Theodor von Cramer-Klett riefen eine Initiative ins Leben, zur Gründung eines Gewerbemuseums. Sie stellten große Geldsummen bereit und aktivierten Gleichgesinnte, 200 Bürger, Vertreter aus Industrie, Gewerbe, Handel, Kammern, Politiker aus der Stadt und aus dem Landtag waren beim Gründungsakt am 28. April 1869 anwesend. Die ersten Initiativen waren eine Schausammlung von beispielhaften Industrie- und Handwerkserzeugnissen, bald folgten Aus- und Weiterbildungskurse für Handwerker und Meister.

 

Bau des Gewerbemuseums 1892-97
Diese Initiative, mitten im wirtschaftlichen Aufbruch, als aus Manufakturen Industrien wurden, fand rasch neue Aufgabenfelder: eine Bibliothek mit Fachliteratur, Beratungstätigkeiten für aufstrebende Handwerksbetriebe, Unterstützung der Wirtschaft durch technische Dienstleistungen… Bald wurde der Platz für so viel Unternehmer-tum – erst im alten Fleischhaus an der Fleischbrücke, dann im Café Noris, Königstraße 3, zu eng. Einer der frühen Direktoren des Gewerbemuseums, Theodor von Kramer, baute das mächtige Haus am heutigen Gewerbemuseumsplatz und bald darauf entstand das „Technische Gebäude“ gegenüber, die nach dem Krieg wieder aufgebauten Gebäude stehen noch heute in direkter Nachbarschaft zur Stadtbibliothek und dem großen Multiplexkino Cinecitta.

 

Körperschaft des öffentlichen Rechts und Dienstleistungsunternehmen
Hier entwickelte sich das Gewerbemuseum rasch zum vielseitigen technischen Berater, rief Gewerbeschulen ins Leben, arbeitete mit den neuen Handwerkskammern zusammen, die die alten starren Gilde- und Zunftorganisationen ersetzt hatten. Angeregt durch die Weltausstellungen wurden große Ausstellungen organisiert, In Nürnberg fanden 1882, 1896 und 1906 innerhalb von 24 Jahren drei Bayerische Landesausstellungen statt. Parallel erfolgte die Gründung eines technischen Labors. Das Gewerbemuseum war zum Experten in allen Fragen der elektrischen Entwicklung geworden. Später kam eine Abteilung für Brauereiwesen hinzu, die die zahlreichen Nürnberger und (nord)bayerischen Brauereiunternehmen in technischen und kaufmännischen Belangen beriet. 1909 wurde aus dem Bayerischen Gewerbemuseum die Landesgewerbeanstalt Bayern. 1907 regte der Vorsitzende des Verwaltungsrates, Dr. Anton von Rieppel die Errichtung von Zweigstellen des Bayerischen Gewerbemuseums in Bayern an. Die ersten Zweigstellen entstanden in Landshut (1908), ein Jahr später in Augsburg; gleich darauf in Regensburg, Bayreuth und Hof. Und im Jahr 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, wurde das Dienstleistungsangebot „Beratung und Prüfung“ sozusagen offiziell: „König Ludwig III. verlieh der Landesgewerbeanstalt 1916 die Eigenschaft einer Körperschaft des öffentlichen Rechts. Dies sicherte Unabhängigkeit, Objektivität und Neutralität. Die Übertragung öffentlicher Aufgaben änderte nichts am Verständnis der LGA, selbstverwaltete Körperschaft im Dienste der Wirtschaft zu sein“ – so steht es in der offiziellen Firmenchronik.

 

In ganz Bayern „im Dienst an der Wirtschaft“
Nach dem Krieg kamen weitere Institute hinzu, darunter 1929 die bis heute wichtige "Prüfung von Standfestigkeitsnachweisen für Bauten und statische Berechnungen", 1936 das Institut für Lebensmittel und Biochemie. Während des Zweiten Weltkrieges lag die Arbeit weitgehend brach. Doch sofort nach Kriegsende waren die Dienstleistungen der Bayerischen Landesgewebeanstalt (BLGA), wie sie nun hieß, im völlig zerstörten Nürnberg wieder sehr gefragt. Das Grundbauinstitut war eine der ersten Neugründungen. Es diente als (staatliche) Anlaufstelle für geologische und geotechnische Belange des Bauwesens. Bereits in den frühen 50 er Jahren entwickelte sich ein neuer Aufgabenbereich: die Prüfung von Ge- und Verbrauchsgütern aller Art, zunächst für den Warenversender Quelle, der mit dem Prüfzeugnis ein kraftvolles Marketingargument gewann. Im Laufe der Jahre entwickelte sich die BLGA zum größten Prüfdienstleister für Spielzeug und Möbel in Deutschland. Aus diesen Arbeitsfeldern entstand auch die Mitarbeit bei der Gründung der Stiftung Warentest. So änderten sich Aufgaben und die technische Anforderungen daran. Gleich blieb immer der Gründungsanspruch ein „Dienstleister der Wirtschaft zu sein, der der Qualität und Sicherheit verpflichtet ist“. Diese Aufgaben, auch hoheitlicher Natur, konnte die LGA mit einem Netz von Zweig- und deren Nebenstellen überall in Bayern nah am Kunden verrichten. LGA-Zweigstellen gibt es heute in Landshut (gegründet 1908), Augsburg (1909), Regensburg (1909), Bayreuth (1909), Hof (1909), Würzburg (1915), München (1958); daran angegliederte Nebenstellen in Aschaffenburg, Schweinfurt, Coburg, Weiden, Ansbach, Ingolstadt, Deggendorf, Passau, Neu-Ulm, Kempten, Weilheim und Traunstein. In den 90 er Jahren waren mehr als 1000 Mitarbeiter in den Bereichen Statik, Geotechnik, Materialprüfung, Umweltschutz, Produkte, Technische Information und Technische Dienste beschäftigt.

 

Umzug in den Süden
Mitte der 90 Jahre zog die LGA vom Stadtzentrum in den Nürnberger Süden. Tillystraße 2 lautet seither die Adresse der LGA Landesgewerbeanstalt Bayern. In jenen Jahren entstand im Unternehmen eine schwierige Situation: Baukosten, Bauzinsen, der Wandel in Europa, der Prüfaufgaben völlig veränderte und hoheitliche Zuschüsse als „wettbewerbsverzerrend“ brandmarkte, ließ die LGA in eine wirtschaftliche Schieflage geraten. Im Zuge der Konsolidierung verkaufte die LGA ihre Gewerbemuseumssammlung an den Freistaat Bayern, der sie dem Germanischen Nationalmuseum als Dauerleihgabe überließ. Dort ist sie heute noch als eigene Sammlung zu besichtigen. Das GNM plant eine Sonderausstellung für das Geburtstagsjahr im Spätherbst 2019.

 

Ein Investor wird gesucht
Ende der 90 er, Anfang der 2000 er Jahre wuchsen die Herausforderungen für die LGA. Rückläufige Auftragslagen, der Rückzug des Staates als institutioneller Förderer und Auftraggeber und die eigene, in der KdöR gewachsene Unternehmensstruktur als öffentlich-rechtliche Verfassung erforderten gravierende Maßnahmen und Veränderungen. Nach und nach wurden die Schritte ab 1997 unternommen: eine Reform der Satzung hin zum öffentlichen Unternehmen, später folgten Management–Buyouts und erfolgreiche Ausgründungen.
Bis zum Jahr 2003 war es gelungen, die gesellschaftsrechtlichen Voraussetzungen für eine Konzernstruktur zu schaffen. Teile der Firmenstruktur wurden in eigenständige Gesellschaften überführt; darunter die LGA Bautechnik GmbH, die LGA QualiTest GmbH, die LGA Training & Consulting GmbH und die LGA Fachschulen gGmbH. Andere verblieben in der Körperschaft, darunter die Prüfstatik, die Innovationsberatung und das Materialprüfungsamt. Die formale Konzernstruktur war nun eine Zweiteilung aus der LGA KdöR und der LGA Beteiligungs GmbH als Zwischenholding. Für diese Zwischenholding wurde auf dem freien Markt ein Investor gesucht.

 

Unter dem Dach des TÜV Rheinland
Im Rahmen eines europaweiten Mergers & Acquisitions-Projektes wurden 23 potentielle Investoren begutachtet, davon sieben zugelassen. Nach intensiven Verhandlungsrunden gaben drei Investoren notariell beurkundete Angebote ab. Der damalige Aufsichtsrat mit Dr. Thomas Diehl an der Spitze traf seine Entscheidung. Das Bayerische Wirtschaftsministerium unter der Leitung von Minister Otto Wiesheu stimmte zu. Seit dem 28. Juni 2005 ist die TÜV Rheinland Holding AG Partner der LGA Bayern. Beide haben die gleiche Adresse in der Tillystraße 2. In den folgenden Jahren wurden die Gesellschaften zügig in die TÜV Rheinland Group integriert. Seit 2007 ist die LGA Beteiligungs GmbH ganz in der Verantwortung der TÜV Rheinland Holding AG angelangt.

 

Optimistische Zukunftsprognosen
Die LGA Landesgewerbeanstalt Bayern ist als Körperschaft des öffentlichen Rechts und Dienstleistungsunternehmen für Sicherheit und Beratung am Bau eigenständig tätig. Zwischen TÜV Rheinland und der LGA Landesgewerbeanstalt Bayern bestehen keine gesellschaftsrechtlichen Verbindungen. Sie waren und sind weiterhin enge verlässliche Partner. Die LGA verfügt über einen eigenen Aufsichtsrat, eigene Vorstände und ein eigenes Aufgabengebiet. Die LGA ist der große Ingenieurdienstleister Bau in Bayern. Über 270 Mitarbeiter sind in der Zentrale in Nürnberg und in den Zweig- und Außenstellen beschäftigt. Zahlreiche spektakuläre Bauprüfungen wurden von LGA-Bauingenieuren vollzogen. Zu den Projekten gehören das Schloss Neuschwanstein, die Walhalla in Regensburg, die einsame Berghütte Waltenberger Haus bei Oberstdorf, der WM-2006 Fußball-Globus in Nürnberg, das Elefantenhaus in Hellabrunn/München, das Lenbachhaus in München, der Hubschrauberlandeplatz am Klinikum Amberg, die Continental Arena Regensburg, die Marienkapelle in Würzburg und die U-Bahn in Nürnberg – um nur einige sehr spektakuläre Beispiele zu nennen.

Die LGA ist weiterhin um den Ausbau ihrer Dienstleistungen bemüht. Eines der zukunftsträchtigsten neuen Gebiete ist das Bauwerksmonitoring, mit dessen Hilfe der Bauzustand von Neu- und Altbauten 24/7 überprüft und digital übermittelt wird. So kann jederzeit geplant werden, wann Reparaturen oder Ähnliches erfolgen müssen.
Auch die bewährte Struktur mit einer Zentrale in Nürnberg und insgesamt 21 Zweig- und deren Außenstellen ist erhalten geblieben. Mit der TÜV Rheinland Group wird eng und partnerschaftlich zusammen gearbeitet, sodass man die Zukunft optimistisch angeht. Zu den Hauptaufgaben der kommenden Jahre gehören die positive Bewältigung der Digitalisierung und die kontinuierliche Nachwuchswerbung, denn in den nächsten zehn Jahren wird ein Großteil der erfahrenen Ingenieure in den Ruhestand gehen.

 

150. Jahrfeier der LGA
Ein kurzes Video von der Veranstaltung: