LGA Unter­nehmen Kunden­journal Impulse 2026 Ausgabe 1/2026 Jeder Stein eine Geschichte
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Jeder Stein eine Geschichte

Peter Budig

DAS GROSS­PROJEKT „ERHALTUNG DER NÜRNBERGER ZEPPELIN­TRIBÜNE“

„Die Tribüne hat es in sich.“ So knapp formuliert es Robert Minge. Er muss es wissen: Der Architekt beim Hochbauamt der Stadt Nürnberg ist Leiter der Abteilung für Kulturbauten – und zu denen gehört die Zeppelintribüne. Ihm zur Seite steht Dr. Matthias Braun. Der Historiker aus dem Kulturreferat, das viele Jahre von Prof. Julia Lehner geleitet wurde, ist für die geschichtlich-didaktische Einordnung des Großprojektes „Erhaltung der Zeppelintribüne und des Zeppelinfeldes“ berufen. Alle sind sich einig: „Diese Aufgabe ist nur zu lösen, wenn man akzeptiert, dass sie größer ist als die Summe ihrer Einzelteile. Das geht nur, wenn alle an einem Strang ziehen.“ Teamwork also, bei dem auch zahlreiche Mitarbeiter aus der LGA mitwirken. Jeder von ihnen ist von diesem Teamgedanken überzeugt. Die Gesamtleitung haben die Architekten Fritsch, Knodt, Klug und Partner, Nürnberg.

90 Jahre sind seit dem überstürzten Bau dieses „als kultischer Raum konzipierten Heroisierungsortes der Nazis“, eines Herzensanliegens Adolf Hitlers und seines Architekten Albert Speer, vergangen. Bereits damals war das Gebäude auf einen Zweck begrenzt: Es handelt sich um reine Kulissenarchitektur, auf Wirkung bedacht. Hier steht eine Bildfabrik der nationalsozialistischen Herrschaft. Dazu gehört auch dies: Das umliegende Feld ist von 34 Türmen eingerahmt. Ihr Zweck? Außen martialischer Prunk – und im Inneren meist Toiletten. Dafür wurde, was die Größe betrifft, geklotzt. 140.000 Quadratmeter misst das Gelände, über 360 Meter lang ist die Zeppelintribüne. Von vorne sieht man gewaltige Tribünen, eine Stufenlandschaft, damals der Eile wegen in aufgeschüttete Erdhügel eingebettet. Oben, direkt über dem Podium, von dem aus „der Führer“ programmatische Reden an die „Volksgemeinschaft“ hielt, prunkte ein riesiges, vergoldetes Hakenkreuz mit Lorbeerkranz. Als die Amerikaner im April 1945 Nürnberg befreiten, war die Sprengung dieses Symbols der Nazimacht eine der ersten Handlungen – sie erfolgte bereits am 22. April 1945.

DAS HISTORISCHE ZEPPELINFELD

1909

Graf Ferdinand von Zeppelin landet mit seinem Luftschiff LZ 6 auf der Wiese am Dutzendteich. Seitdem trägt das Gelände seinen Namen.

Historische Schwarz-Weiß-Aufnahme der Nürnberger Kaiserburg mit einem Zeppelin am Himmel – Sinnbild für die Entstehung des Namens „Zeppelinfeld“.

Das Luftschiff über der Nürnberger Burg vor der Landung am Dutzendteich.

1928

Fertigstellung des „Volksparks Dutzendteich“ unter dem demokratischen Oberbürgermeister Dr. Hermann Luppe als Sport- und Freizeitgelände mit Turn- und Tennisplätzen auf der Zeppelinwiese und dem heutigen „Max-Morlock- Stadion“

1933 – 1938

Die Nationalsozialisten nutzen das Gelände für jährlich stattfindende Aufmärsche und Inszenierungen und machen Nürnberg zur „Stadt der Reichsparteitage“. Hitler inszeniert sich hier vor bis zu 200.000 Menschen.

1935 – 1937

Errichtung der Zeppelintribüne und der Umwallungen nach Plänen von Albert Speer zur Inszenierung von Hitlers Reichs- und Volksgemeinschaftsidee. Berühmt wurde der „Lichtdom“ durch Flakscheinwerfer.

Historische Luftaufnahme des Zeppelinfelds mit der vollständig erhaltenen Zeppelintribüne und dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg.

Postkarte um 1938

1938

Letzter Reichsparteitag auf dem Gelände. 1939-45 finden wegen des Krieges keine Parteitage der NSDAP statt.

Historische Schwarz-Weiß-Aufnahme einer nationalsozialistischen Massenveranstaltung auf dem Zeppelinfeld in Nürnberg mit Adolf Hitler am Rednerpult und in Formation aufgestellten Menschen.

Reichsparteitag der NSDAP

1945

Nach dem Einmarsch der US-Armee wird das monumentale Hakenkreuz auf dem Mittelbau der Tribüne gesprengt.

1967

Wegen Baufälligkeit werden die Säulengänge der Tribüne gesprengt.

Historische Aufnahme der gesprengten Haupttribüne des Zeppelinfelds mit großen Trümmerblöcken nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Pfeilersprengung Zeppelintribüne 1967

1983

Sanierung des Innenraums der Tribüne „Goldener Saal“ für die bis 2001 gezeigte Ausstellung „Faszination und Gewalt“

Innenraum der Zeppelintribüne mit monumentaler Natursteinarchitektur, hohen Säulen und der restaurierten Goldmosaikdecke im ehemaligen Goldenen Saal.

2011

Der Kulturausschuss nimmt die Konzepte „Lernort Zeppelintribüne“ an.

DER UNSICHTBARE ERSTE SCHRITT: SCHADSTOFF­GROSS­SANIERUNG

Bevor die von der Stadt Nürnberg und dem Architekturbüro FKK+P geplanten Baumaßnahmen starten konnten, stand die Sicherheit an erster Stelle. Um den Arbeitsschutz zu gewährleisten, musste das Areal vorab akribisch auf bauzeittypische Schadstoffe untersucht werden. Dank der Einbeziehung aller Projektbeteiligten in die Vorplanung wurde die LGA Institut für Umweltgeologie und Altlasten (LGA IUA) bereits in der frühen Planungsphase eingebunden. Für die Experten der LGA IUA ein entscheidender Vorteil: Sie konnten eine detaillierte Beurteilung aller betroffenen Bauteile vornehmen – lange vor dem Start der Hauptmaßnahmen. Die Untersuchungen brachten sensible Befunde ans Tageslicht. Neben schimmelpilzbelasteten Abstützungen und Fassadenanstrichen mit gesundheitsgefährdenden Polyzyklischen Aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) stießen die Experten vor allem auf ein massives Problem: 27 Kilometer asbesthaltige Fugenmassen auf allen bewitterten Außenflächen. Besonders die schiere Masse dieses Befundes stellte die Asbestsachverständigen der LGA IUA vor eine logistische Herausforderung.

Ein Projekt dieser Dimension erfordert maßgeschneiderte Lösungen. In enger Abstimmung mit dem Gewerbeaufsichtsamt der Regierung Mittelfrankens konnte ein sowohl zeitlich als auch wirtschaftlich hocheffizientes Sanierungsverfahren entwickelt werden, das den sicheren Ausbau der 27 Kilometer Fugenmassen noch vor dem Start der Hauptmaßnahme gewährleistete.

Über ein Jahr wurde die gesamte Schadstoffentfrachtung des Zeppelinfeldes lückenlos vom Expertenteam der LGA IUA unter der Leitung von Dominik Kisskalt überwacht. Erst nach der finalen Freigabe durch die Sachverständigen der LGA IUA wurden die sanierten Bereiche schrittweise an die Folgegewerke übergeben.

Luftaufnahme des Nürnberger Zeppelinfelds mit beschrifteter Zeppelintribüne, Zeppelinfeld und dem benachbarten Stadion.

„WIR HABEN DIE VERKEHRS­SICHERUNGS­PFLICHT, GANZ WAS BANALES“

Tritt man heute näher, sieht auch das ungeübte Auge, was Robert Minge so zusammenfasst: „Es geht um ganz basisnahe Aufgaben der Standsicherheit.“ Oder, wie es Nürnbergs damaliger Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly trocken formulierte: „Wir haben die Verkehrssicherungspflicht, ganz was Banales.“ Deshalb ist auch die LGA zu Fragen der Verkehrssicherheit eingebunden. Überall bröselt und bröckelt es, sind riesige Stufen-Quader rissig und aus den Fugen gebrochen. Nur kurz stand im Raum, wegen der Verkehrssicherheit und der hohen Kosten der Erhaltung (ca. 80 Millionen Euro) das Naziungetüm einfach abzureißen. Mitsamt dem prachtvollen „Goldenen Saal“ im Inneren. Die Diskussionen darüber kann man auf etlichen Seiten der Stadt im Internet nachlesen.

Wer wissbegierig ist und Glück hat, kann an einer Geländeführung im Programm des Dokuzentrums Reichsparteitagsgelände teilnehmen oder Dr. Matthias Braun befragen. Seine Argumentationskette für den Erhalt des authentischen Lernortes in seinem jetzigen Zustand ist richtungsweisend: „Diese Architektur verkörpert auf in Europa einmalige Weise die Vermittlung einer Ideologie, die wir nicht wollen. Sie kann als exemplarischer Lernort dienen.“ 

Pompös wollte Hitler, buchstäblich von oben herab, sein Konzept einer streng hierarchischen „Volksgemeinschaft“ nach rassistischen Kriterien mehr als nur verkünden. Es sollte greifbar, erfahrbar sein: Für die Nazi-Größen auf der Tribüne, für die (Eintritt zahlenden) Besucher unten, für die marschierenden Soldaten und skandierenden Männer vom „Reichsarbeitsdienst“: Das Gesellschaftskonstrukt der „Volksgemeinschaft“ sollte spürbar und in der Architektur sichtbar werden. Die Guten sind drinnen, auf dem Platz. Die, die nicht dazu gehören, bleiben draußen. Ein Stein gewordenes Mahnmal der NS-Vernichtungsideologie.

Informationsschild zum Lern- und Begegnungsort Zeppelintribüne und Zeppelinfeld mit Übersichtsplan sowie Darstellung der geplanten Öffnung bisher geschlossener Bereiche.

LERNORT, MAHNMAL, SPASS- UND ERHOLUNGSGEBIET

Längst dient das Zeppelinfeld als historischer Lernort und als Mahnmal. Aufgrund des fortschreitenden Verfalls läuft auf dem Areal ein großangelegtes Sanierungsprojekt. Zugleich wird das Feld seit Jahren friedlich genutzt. Nach langen Diskussionen hat man sich auf das Ziel des Erhalts geeinigt: Die Tribüne und das Drumherum sollen in erster Linie verkehrs- und publikumssicher sein. Der jetzige Zustand soll bewahrt werden. Was zerstört ist, wird nicht mehr hergestellt. Geschweige denn, dass Speers ehrgeizige Pläne für das gesamte Reichsparteitagsgelände, die bei Kriegsausbruch pausierten, beendet würden.

Sachverständiger auf den Stufen der Zeppelintribüne bei einer Bauwerksbegehung mit Messlatte in der Hand.

EIN RUNDGANG MIT GREGOR STOLARSKI

Der Rundgang mit Gregor Stolarski, der bei der LGA als „Meister der Sandsteinkunst“ und als Steine-Detektiv in Sachen historischer Bauten gilt, beginnt im „Goldenen Saal“– einem über 300 Quadratmeter großen, knapp acht Meter hohen Raum mit einer Decke aus goldschimmernden Mosaiken des Münchner Kunstprofessors Hermann Kaspar. Sein Zweck? Den „Führer“ beeindrucken. „Alles Staffage“, sagt Stolarski und lässt offen, ob er vom Saal oder dem ganzen Bauwerk spricht. Der Zustand des Gebäudes ist heute geprägt von der Nazizeit, dem überhasteten Abbruch der Bauarbeiten zu Kriegsbeginn, den Kriegsschäden und den Versuchen, Kaputtes zu reparieren während der folgenden Jahrzehnte. Schrapnell- und Kugelspuren an den Außenwänden stammen von 1945. Gewaltige Bauschäden entstanden durch die Druckwellen der genannten Großsprengungen.

Wir gehen über die Stufen der Tribüne: Kaum eine, die ohne Schäden ist, die Fugen ausgekratzt. Aus manchen Stufen sind ganze Teile herausgebrochen, andere bröseln und bröckeln. Wieder andere wurden vollständig ersetzt. Aus Kostengründen können die defekten Stufen nicht eins zu eins ersetzt werden. „Die LGA befasst sich mit der Abstimmung von Eigenschaften aller vor Ort wichtigen Materialien: Naturstein, Kunststein, mineralische Ergänzungen, Stahl aufeinander“, erläutert Stolarski und zeigt auf „Plomben“ und ganze Stufen, wo nachgebessert wurde. Überall liegt Schutt herum.

Ein eigenes Thema ist die Fassade auf der Rückseite des Gebäudes. „Sollte man diese Schramme von einem Schrapnell ausfüllen?“, fragt Stolarski. „Für mich gehört sie zum Zustand des Gebäudes und seiner Geschichte dazu.“ Die Fassadenplatten sind mit eigenen Halterungen aus Metall verankert. Auch diese müssen einzeln geprüft werden. „Hier arbeiten über ein Dutzend Experten von der LGA zusammen, am Bau, in den Labors. Ein ganzes Team, nur um Sicherheitsfragen zu beantworten“, verweist Stolarski auf die Kollegen.

Im Lauf der Jahrzehnte hat die Anlage viele Funktionen erfüllt. Das Feld nutzten zunächst jahrzehntelang begeistert die American Soldiers, die bereits 1945 Baseball- oder Football-Liga-Spiele unten auf dem Rasen austrugen, die live in die USA übertragen wurden. Bis heute finden jährlich „Rock im Park“-Konzerte statt, mit gut 80.000 Besuchern am Tag. Beim Norisringrennen bietet die Tribüne Platz für die Zuschauer. An der Rückseite der Zeppelintribüne wurden die Wände für Tennisübungen genutzt. All das war und ist gewollt, insofern die Bauten nicht verfallen und abgesperrt werden müssen. Die Bundesrepublik und der Freistaat Bayern unterstützen die Stadt mit knapp 65 Millionen Euro, um das zu verhindern. Das irgendwann gesicherte Bauwerk soll als Lernort, aber auch für Freizeitzwecke dienen.

Vorher gibt es noch viel zu tun.

Teilweise freigelegtes Mauerwerk mit beschädigten Ziegeln und Betonauflager als Beispiel für Bauschäden im Bestand.
Nahaufnahme einer verwitterten und rissigen Betonoberfläche mit Ausbrüchen. Rechts wachsen Gras und kleine Pflanzen aus den Fugen.

Es bröckelt und rieselt überall, am historischen Zeppelinbau.

STATISCHE ZWISCHENSICHERUNG

Dieses historische Bauwerk weist sehr unterschiedliche bauliche Aspekte auf, die von verschiedenen Experten der LGA begutachtet wurden. Mathias Weigelt, inzwischen im Ruhestand, und sein Kollege Gabriel Graumann von der Prüfstatik waren für die Stahleinbauten im östlichen und westlichen Seitenflügel zuständig.

„Als die Säulen gesprengt wurden“, erklärt der Bauingenieur, „haben die Druckwellen Risse verursacht. Trümmer davon sind auf eine Treppe gestürzt. Um den Bau zu stabilisieren, wurden damals Holzstützen verbaut. Inzwischen wurden die durch Stahl ersetzt.“ Diese Stahlträger wurden nun geprüft.

Auch an Stellen, an denen Beton den Naturstein ersetzt, hat das Team die Bewehrung geprüft. Dazu kam eine Solaranlage, die inzwischen aufs Dach montiert worden war. „Dieser Bau ist so umfangreich und weitläufig, es ist nicht leicht, alles Relevante im Blick zu behalten“, resümiert Weigelt.

Baustellenzufahrt zur Sanierung der Zeppelintribüne mit Baucontainer, Gerüst und Hinweisschild „Baustellenzufahrt für Berechtigte frei“.

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